Interview

Interview mit Sebastian

Gitta: „Was für Ziele hast du dir gesteckt?“
Sebastian: „Meine inhaltlichen Ziele möchte ich auf zwei Schwerpunktthemen konzentrieren:
1.Generationengerechtigkeit: Seit vielen Jahren betreiben die politisch Verantwortlichen aller Parteien eine Politik zu Lasten unserer Generation und der nachfolgenden. Das jüngste Beispiel ist die Rentenerhöhung. Dies war eindeutig eine populistische Maßnahme und das hatte nichts mit weitblickender Haushalts- und Finanzpolitik zu tun. Die Erhöhung, die beim einzelnen Rentner ankommt, ist verschwindend gering und taugt kaum dazu, die finanziellen Verhältnisse signifikant zu verbessern. Insgesamt ist die Erhöhung wiederum ein Summe, die einer Entschuldung und Konsolidierung des Haushalts fehlt. Dieses Denken von der Tapete bis zur Wand muss ein Ende haben und die weitere Verschuldung der öffentlichen Haushalte muss gestoppt werden – und das in einem gesamtgesellschaftlichen Kraftakt, einen Generationenkonflikt gilt es in jedem Fall zu vermeiden.
2.Bürgerrechte vs. Innere Sicherheit: Ich möchte die von Schily nach 2001 eingeführten und unter der großen Koalition weiter geplanten Beschränkungen der Freiheitsrechte in unserer Gesellschaft kritisch hinterfragen sowie den Erfolg der einzelnen Maßnahmen wie Rasterfahndung, Lauschangriff, Vorratsdatenspeicherung und weitere auf den Prüfstein stellen. Wenn Maßnahmen sich nicht bewähren oder als stumpfes Instrument erweisen wie es z.B. bei der Rasterfahndung nachweislich der Fall ist, gehört das abgeschafft. Weitere Eingriffe wie eine Ausweitung des Lauschangriffs, der Spähangriff oder staatliche Datenspionage müssen verhindert werden. Für viele dieser Maßnahmen gilt: sie nehmen zuviel und geben zu wenig. Dies kann nicht die Basis einer zivilisierten und aufgeklärten Bürgergesellschaft sein.“

Gitta: „Wann hast du gemerkt, dass du mehr möchtest als eine JuLi-Basismitgliedschaft?“

Sebastian: „Ich wirke gerne aktiv an den politischen Entscheidungsprozessen mit. Meine erste Erfahrung habe ich nach Gründung der Liberalen Schüler Kiel 1992/93 und später im Juli-Kreisvorstand Kiel gemacht. Es gab dort erste Erfolge, ich konnte die Schulpolitik der FDP mit meinen damaligen Mitstreitern mitgestalten. Es reicht mir nicht, ständig nur zu meckern oder an den Entscheidungen anderer zu zweifeln, sondern ich möchte einen eigenen Beitrag leisten.

Gitta: „Wie stehen deine Verwandten, Bekannten und Arbeitskollegen zu deiner Kandidatur?“
Sebastian: „Ich erfahre aus dem privaten Umfeld viel Zuspruch und diese Unterstützung ist wichtig für mich. Meine Familie und mein Freundeskreis stehen zu meinen Plänen und sind wichtige Ansprechpartner für mich, um außerhalb der Gremien- und Parteiarbeit auch „normal“ diskutieren zu können oder andere Sichtweisen zu reflektieren.“

Gitta: „Wie willst du es schaffen, eine so wichtige Position auszufüllen und zusätzlich Vollzeit zu arbeiten? Wo bleibt da dein Privatleben?“

Sebastian: „Die doppelte Belastung mit einem Beruf und der ehrenamtlichen Arbeit als Kandidat ist tatsächlich eine hohe Belastung insbesondere in der Wahlkampfzeit. Mir stehen im Gegensatz zu amtierenden Abgeordneten keine Mitarbeiter oder eine flexiblere Zeiteinteilung zur Verfügung, um in der Partei und in der Öffentlichkeit durchgehend Präsenz zu zeigen. Ich arbeite unter der Woche jeden Tag ca. 9-10 Stunden und am Abend sowie an den Wochenenden für die Partei sowie für meine Kandidatur. Das gelingt nur, weil meine Freundin meine Pläne unterstützt, ein Privatleben ist in den kommenden Wochen kaum möglich – aber das ist mein Einsatz und ich bin mir bewusst, worauf ich mich einlasse, da ich bereits bei der letzten Wahl als Direkt- und Listenkandidat für die Julis angetreten bin.

Gitta: „Hast Du jemals daran gedacht, alles hinzuschmeißen und die hohe Belastung zu vermeiden?“
Sebastian: „Solche Momente gab es sicher und wird es auch im Falle eines Erfolgs immer mal wieder geben. Aber ich besinne mich dann auf meine ursprüngliche Motivation, warum trete ich an, was möchte ich ändern und was habe ich schon erreichen können. Und in diesen Momenten lese ich dann immer wieder das Zitat von Platon: „Diejenigen, die zu klug sind, sich in der Politik zu engagieren, werden dadurch bestraft, dass sie von Leuten regiert werden, die dümmer sind als sie selbst.“

Gitta: „Hast Du politische Vorbilder?“
Sebastian: „Ich eifere nicht einer bestimmten Person oder einem Vorbild nach. Es gab und gibt Menschen in der Politik, die mich beeindrucken. Die meisten stammen allerdings aus der Vergangenheit und sind nicht mehr politisch aktiv. Ich sehe heute viel Figuren, die weder Inhalte noch persönliche Integrität haben oder hohle Phrasen in Talkshows von sich geben. Einige sehen Politik auch nur als Spielfeld für eigene Ego-Trips und die Befriedigung mit Macht und Einfluss an. Viele sehen sich für Ämter und Positionen berufen, ohne vorher wirklich etwas bewegt oder geleistet zu haben. Auch das ist ein Grund mehr für mich, hier selbst anzutreten. Ob ich es dann wirklich besser kann und tue, müssen andere beurteilen. Für mich ist es in jedem Fall wichtiger, ein Amt auszufüllen und nicht es zu bekleiden. Wenn ich mir z.B. die Aufzeichnung der Debatte im Bundestag anläßlich des Wechsels der sozialliberalen Koaltion zu einem Bündnis mit der CDU im Jahre 1982 ansehe, bin ich immer wieder erneut ergriffen, mit wie viel Herzblut, Leidenschaft und auf welch hohem intellektuellen Niveau dort gestritten und diskutiert wurde. Eine solche Qualität in der politischen Debatte habe ich in den aktuellen Parlamentsrunden auf Bundes- und Landesebene nicht häufig wieder gesehen. Aber das zeigt mir, wie wichtig es ist, hier andere Akzente zu setzen als die der Beliebigkeit und der inhaltlichen Leere.“

Gitta: „Gab es prägende Ereignisse, die Deinen Entschluss in die Politik zu gehen, beeinflusst haben?“
Sebastian: „Es gab vor allem zwei Ereignisse: Im Geschichtsunterricht spielte meine damalige Lehrerin eine Tonaufzeichnung aus dem Jahre 1933 ab. Darauf war die letzte Rede eines demokratischen Abgeordneten im Reichstag vor der Machtergreifung Hilters zu hören. Otto Wels, der damalige SPD Fraktionsvorsitzende, sprach sich darin gegen das Ermächtigungsgesetz der NSDAP aus und apellierte ein letztes mal für die Demokratie und gegen die Dikatatur – immer wieder unterbrochen von dem Gepöbel und Gejohle der NSDAP Abgeordneten und mit der eigenen Verhaftung sowie Repressalien unmittelbar nach der Sitzung musste Wels rechnen. Die bürgerlichen Parteien hatten hingegen versagt. Ein SPD Mann hat in mir also das Engagement für Freiheit und die Demokratie geweckt. Solch herausragende Charaktere gibt es in der SPD allerdings schon lange nicht mehr. Das hat mich damals unheimlich stark beeindruckt. Zweites prägendes Ereignis war der Besuch der Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen, einem ehemaligen Zuchthaus der Staatssicherheit zu DDR Zeiten. Ich nahm an einer Führung durch einen ehemaligen Häftling teil. Es war erschütternd zu sehen und zu hören, wie perfide und menschenverachtend dieses Regime in der DDR mit Oppositionellen und Andersdenkenden umgegangen ist. Wer auch immer Zweifel daran haben sollte, ob sich der Einsatz für eine freiheitliche Rechtsordnung, die Freiheit des Andersdenkenden sowie gegen jede Art von einem staatlichen Übergewicht in der Gesellschaft lohnt, der möge sich diese Stätte ansehen, hinhören und nachdenken. Wenn ich dann heute die Linke von geplanter Verstaatlichung der Wirtschafts- und Lebensverhältnisse fabulieren höre, sowie die Verharmlosung oder Verleumdung der eigenen Vergangenheit registriere, wird mir speiübel – und das treibt mich weiter an, hier Position zu beziehen und den Mund aufzumachen.“