Gyde, du bist seit März Spitzenkandidatin der Jungen Liberalen Schleswig-Holstein. Wie sehr hat sich diese Nominierung auf dein Leben ausgewirkt?

Gyde: Nicht so sehr, wie es vielleicht in anderen Bundesländern vor der Listenaufstellung zur Bundestagswahl der Fall war. Ich wurde auf unserem Landeskongress im Frühjahr als Spitzenkandidatin gewählt. Der Kongress war allerdings auch der Wahlkampfauftakt der JuLis SH zur Landtagswahl am 7. Mai. Die JuLis SH haben in diesem Jahr Beachtliches geleistet: Wahlkampfvorbereitung seit November 2016, Listenaufstellung zur Landtagswahl, Vorstandswahlen, Landtagswahlkampf, Vorbereitung Bundestagswahlkampf - dieses Pensum ist überdurchschnittlich. Seit der Platzierung auf der Liste zwei Wochen nach unserer Landtagswahl hat sich dann mehr getan. Die ersten Podiumsdiskussionen haben schon stattgefunden, Abendveranstaltungen und Gesprächstermine werden nun mehr.

 

Du warst selbst vier Jahre im Landesvorstand der Jungen Liberalen und bist Kreisvorsitzende. Wie sehr hat dich deine Zeit bei den JuLis geprägt?

Gyde: Sehr. Ich bin gewissermaßen als Neujahrsvorsatz am 1. Januar 2010 bei den Jungen Liberalen Schleswig-Holstein eingetreten, weil mir mein Politikstudium zu theoretisch war. Jetzt mag der Kritiker sagen: “Mensch Mädchen, Studium ist nun mal Theorie”. Korrekt, aber das was ich über Politik im Prozess gelernt habe und wie sie konkret angewandt funktioniert, habe ich im Ehrenamt gelernt. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass ich nicht hier wäre und das tun würde, wenn ich nicht bei den JuLis eingetreten wäre.

Ehrenamtliche Politik ist mehr als das Schreiben eines Antrags. Für mich ist es Teamarbeit, Meinungswettstreit, interne Grabenkämpfe, Jugendherbergen mit Stockbetten und viele Menschen, die man sonst niemals getroffen hätte. Es ist aber auch das ständige Erklären und Rechtfertigen, warum man am Wochenende nicht frei hat, warum man sich das antut und das Belächelt-Werden, wenn die 18 Uhr-Prognosen nicht so rosig aussehen. Für mich ist Politik der persönliche Beitrag zu unserer Zukunft. Es geht hier nicht um “Posten und Dienstwagen”, sondern darum, den nächsten Generationen bessere Voraussetzungen zu gewährleisten.

 

In deiner Vorstellungsrede hast den Schwerpunkt auf Europa gelegt. Wie sieht für dich das Europa der Zukunft aus?

Gyde: Für das Europa der Zukunft stelle ich mir keine seltsame Definition eines Gebildes sui generis vor, wie wir es alle in der Schule gelernt haben. Europa ist einzigartig und zu häufig wird diese Tatsache als Nachteil und Schwierigkeit gewertet. Das Potential, das auf diesem Kontinent liegt (Wirtschafts- und Innovationskraft, Bildungs- und Berufschancen, Kultur- und Forschungsaustausch) wird noch nicht annähernd ausgenutzt. Ich wünsche mir, dass das Europa der Zukunft Herausforderungen gemeinsam angeht und löst. Das bedeutet, dass wir uns über eine gemeinsame Verteidigungs- und Integrationspolitik, über Klimaziele und Wirtschaftsfaktoren austauschen müssen. Dass ein einzelnes Land ein großes Problem alleine löst, ist gestrig. Europa kann seine Möglichkeiten nur gemeinsam nutzen. Das bedeutet allerdings auch, dass nicht jedes Land in der gleichen Geschwindigkeit mitziehen muss. Wir sind 27 verschiedene Staaten mit 27 verschiedenen Volkswirtschaften, Bildungssystemen und Kulturen. Dass bei einem solchen Projekt keine 100%ige Gleichmäßigkeit herrschen kann, versteht sich von selbst.

 

Neben dem Thema Europa hast du auch über Nukleare Abrüstung gesprochen. Was muss sich denn konkret ändern?

Gyde: Ja, ein riesiges diplomatisches Fingerspitzen-Thema. Ich durfte vor zweieinhalb Jahren ein Praktikum in der Deutschen Ständigen Vertretung bei der Abrüstungskonferenz der Vereinten Nationen in Genf machen und eng mit dem Botschafter vor Ort zusammenarbeiten. Das Thema nukleare Abrüstung hat uns dort begleitet und ich habe gelernt, dass es Organe wie die CD (Conference on Disarmament) gibt, die vollkommen ineffektiv und in die Jahre gekommen sind. Die Herausforderung bei einem sicherheitspolitischen Thema ist immer die Souveränität der einzelnen Staaten. Historisch gewachsene Auf- und Abrüstung kann man nicht mit einem einzelnen Sitzungszyklus ändern. Konkret ändern kann sich die Art und Weise der Arbeit. Die Zivilgesellschaft und ihre vielen verschiedenen Initiativen können mehr und aktiver in die Beratungen zur nuklearen Abrüstung einbezogen werden. Dies hat auch auf anderen Gebieten, wie dem Biologiewaffenübereinkommen (BWÜ), positiv gewirkt. Die Erwartungen sollten darüber hinaus nicht zu hoch sein, um kleine Erfolge besser kommunizieren zu können. Ich würde mich freuen, wenn die Europäische Union zukünftig einen etablierteren Verhandlungspart übernehmen würde. Das ist mit derzeit noch zwei Nuclear Weapon States (Frankreich und Großbritannien) in der EU allerdings nicht einfach, da eigene Ziele vorangestellt werden.

 

Du lebst in Kiel, arbeitest in Lübeck, und bist zu vielen Veranstaltungen im ganzen Land unterwegs. Schränkt dich die Infrastruktur Schleswig-Holsteins dabei ein oder wird um das Thema zu viel Wind gemacht?

Gyde: Ich muss zugeben - ich fahre nicht gerne Bahn. Ohne ein Auto würde ich die vielen Kilometer nicht in der geplanten Zeit schaffen. Im Berufsverkehr ist die Wartezeit auf den Straßen schon mal länger. Worüber ich mich am meisten aufrege, ist das Baustellenmanagement: auf der A1 zwischen Fehmarn und Hamburg wird seitdem ich meinen Job vor zwei Jahren in Lübeck begonnen habe ununterbrochen gebaut - gefühlt zwischen 9 und 16 Uhr. Die B76 zwischen Kiel und Eutin wird an immer anderen Teilstücken in der Ferienzeit in Vollsperrung saniert. Die B404 ist ein großes Desaster, denn mit der Einspurigkeit der anschließenden Dauerbaustelle A21 in Richtung Bad Segeberg auf Höhe Bornhöved, kann der Verkehr nicht richtig fließen; ein Unfall tut ansonsten sein Übriges. Ich denke wir müssen der neuen Landesregierung etwas Zeit einräumen, um sich zu koordinieren und den tatsächlichen Stand der Planungs- und Ausbauvorhaben zu erörtern. Ich würde mir wünschen, dass zukünftig bei der Vergabe der Aufträge nicht ausschließlich auf den Preis, sondern auch auf die veranschlagte Zeit geachtet wird. Eine kürzere Bauzeit ist sicherlich teurer aufgrund des Schichtsystems, in dem gearbeitet wird. Man sieht aber, wie es dann laufen kann, wenn man zur A7 schaut - selbst spät am Abend stehen die Bagger nicht still. Ich denke, dass Berufspendler, Speditionsunternehmen, Handwerksbetriebe und viele mehr es der neuen Regierung danken, wenn die Sanierung der Infrastruktur in unserem Land zügig vorankommt.

 

Du hast keinen Bundestagswahlkreis und trittst sozusagen für die Jugend in ganz Schleswig-Holstein an. Wo werden wir dich im Wahlkampf antreffen können?

Gyde: Richtig, ich trete nur auf der FDP-Landesliste zur Bundestagswahl an. Das hat sicherlich Vor- und Nachteile. Ein großer Vorteil ist, dass ich ortsungebunden im Wahlkampf unterstützen kann. Ich werde natürlich viel in meinem Kreisverband Rendsburg-Eckernförde unterwegs sein, aber auch an der Westküste in Niebüll, Husum, Hattstedt, Wobbenbüll (mein Heimatort) und zu Podiumsdiskussionen in Glinde, Glückstadt, und Kiel. Ich freue mich, wenn weitere Einladungen zu Veranstaltungen und Diskussionen folgen 🙂

 

“Denken wir Neu” ist die Kampagne der Freien Demokraten. Sie ist ein Abbild der erneuerten FDP. Ist diese Partei bereit für den deutschen Bundestag?

Gyde: Ja.
Eigentlich könnte ich damit diese Frage beantwortet lassen. Was mir allerdings noch besonders wichtig bei diesem Thema ist, ist die Tatsache, dass es uns viele Kritiker nicht zugetraut haben. 2013 hätte kaum jemand erwartet, dass ein komplettes Makeover einer etablierten Partei gelingen könnte. Christian Lindner, Wolfgang Kubicki und das gesamte Präsidium der FDP hat ganze Arbeit geleistet und tatsächlich neu gedacht. Ich denke, dass wir 2013 an einem Punkt waren, an dem wir alles haben hinterfragen müssen, um die Ursache unseres Rauswurfs zu finden. Es hat Personalwechsel gegeben, eine neues Outfit und zum Teil auch neue Themen. Die zukünftige Fraktion hat viel Arbeit vor sich - Hauptsache, wir arbeiten als Team zusammen.


Theodor Heuss sagte Mal “Es ist keine Schande hinzufallen, aber es ist eine Schande einfach liegenzubleiben.” Gibt es ein Zitat, das du besonders schätzt?

Gyde: Ja, das gibt es. Ich muss zugeben, es klingt etwas überheblich, aber der Spruch ist super. Mein Vater hat damals mal eine Werbe-Tasse mit nach Hause gebracht, auf der folgender Spruch stand: “Die Mittelmäßigen hören zu dem Zeitpunkt auf zu arbeiten an dem die Macher beginnen. Wir sind die Macher”. Was mir an dem Satz gefällt, ist dass er sich perfekt auf die FDP übertragen lässt. Die Freien Demokraten sind nicht mittelmäßig, sondern denken und arbeiten einen Schritt weiter. So vermeidet man langfristig überflüssig zu werden.

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Vielen Dank für deine Zeit und viel Erfolg bei deiner Kandidatur für den deutschen Bundestag!

Gyde: Danke - ich freue mich auf einen erfolgreichen Wahlkampf mit Euch.